menschlische Hand hält 2-Euro-Sück über die Öffnung eines Sparschweins

Altersvorsorgedepot

Vorsorgen mit Weitblick

Die gesetzliche Rente bleibt ein Fundament, aber sie wird den Lebensstandard im Alter für viele Menschen nicht allein sichern. Wer früh beginnt, kann Zeit, Zinseszinseffekt und staatliche Förderung nutzen. Ab 2027 soll als Nachfolger der Riester-Rente zudem ein neues staatlich gefördertes Modell die private Vorsorge einfacher, transparenter und kapitalmarktnäher machen.

JB
· 2026
Erschienen in

Wohin mit dem Geld?

am 9. Juli 2026 in „Handelsblatt“
Am Aktienmarkt stellt sich die Frage einer KI-Blase. Die Renditen werden von der wieder anziehenden Inflation aufgefressen. Gold und andere Edelmetalle notieren auf Höchstständen. Und auch vermietete Immobilien sind längst nicht mehr so einträglich, wie alteingesessene Investoren...

Private Altersvorsorge wird wichtiger, weil Demografie, steigende Lebenserwartung und längere Rentenphasen den Druck auf das Umlagesystem erhöhen. Die OECD beziffert die künftige Nettoersatzrate der gesetzlichen Rente in Deutschland für einen Durchschnittsverdiener mit vollständiger Erwerbsbiografie auf 53,3 Prozent; mit zusätzlicher privater Vorsorge kann sie deutlich steigen. Zugleich schrumpft die Erwerbsbevölkerung in Deutschland laut OECD stärker als im Durchschnitt der Industrieländer. Für Anleger bedeutet das: Wer erst kurz vor Rentenbeginn reagiert, muss hohe Sparraten leisten. Wer früh startet, kann Schwankungen besser aushalten, günstiger nachkaufen und den Zinseszinseffekt für sich arbeiten lassen.

Neustart für Riester

Genau hier setzt die Reform der privaten Altersvorsorge an. Die Riester-Rente wird nicht rückwirkend abgeschafft; bestehende Verträge bleiben erhalten und können weitergeführt werden. Ab 2027 sollen jedoch keine neuen Verträge nach altem Riester-Modell mehr abgeschlossen werden. Der Grund für den Neustart ist bekannt: Riester war kompliziert, oft teuer und wegen starrer Garantien in der Niedrigzinsphase vielfach renditeschwach. Das beschlossene Altersvorsorgereformgesetz stellt die private Vorsorge nun neu auf. Künftig wird die Förderung stärker an den Einzahlungen ausgerichtet. Statt schwer verständlicher Mindesteigenbeiträge gibt es prozentuale Zulagen. Außerdem sollen Wechsel erleichtert, Kosten begrenzt, Selbstständige stärker einbezogen und kapitalmarktorientierte Produkte zugelassen werden.

Altersvorsorgedepot ab 2027

Kernstück ist das Altersvorsorgedepot. Es soll unter anderem staatlich gefördertes Sparen in Wertpapiere ermöglichen, ohne zwingend vollständige Beitragsgarantie. Investiert werden kann vor allem in Fonds, ETFs und andere für Kleinanleger geeignete Anlageklassen. Direkte Spekulationen, besonders riskante Produkte oder frei handelbare Einzelwetten sollen dagegen nicht zum geförderten Kern gehören. Gefördert werden bis zu 1.800 Euro Eigenbeitrag im Jahr: Für die ersten 360 Euro gibt es 50 Prozent Zulage, für weitere Beiträge bis 1.800 Euro 25 Prozent. Die Grundzulage kann damit 540 Euro jährlich erreichen. Hinzu kommen bis zu 300 Euro Kinderzulage pro Kind, ein einmaliger Berufseinsteiger-Bonus von 200 Euro bei Abschluss vor dem 25. Geburtstag sowie eine stärkere Förderung kleiner Beiträge. Für Kinder und Jugendliche ist zusätzlich die Frühstart-Rente geplant: Der Staat zahlt vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro in ein individuelles Vorsorgedepot.

 

Kernstück der Reform ist das Altersvorsorgedepot.

Sicherheit oder Chance

Neu ist vor allem die Wahl zwischen drei Risikoprofilen. Das chancenorientierte Altersvorsorgedepot kommt ohne Garantie aus. Es kann stärker in Aktienfonds und ETFs investieren und eignet sich vor allem für lange Laufzeiten, weil Kursschwankungen über Jahrzehnte eher ausgehalten werden können. Die zweite Variante bietet 80 Prozent Garantie auf eingezahlte Beiträge inklusive Zulagen. Sie kombiniert einen Sicherheitspuffer mit mehr Kapitalmarktnähe als klassische Produkte. Die dritte Variante garantiert 100 Prozent und richtet sich an Sparer mit großem Sicherheitsbedürfnis, hat aber tendenziell geringere Renditechancen. Die staatliche Förderung hängt nicht vom gewählten Garantieniveau ab, sondern vom Eigenbeitrag und der persönlichen Förderberechtigung. Zusätzlich soll ein Standarddepot Orientierung geben: ein einfaches, kostengedeckeltes Angebot mit reduzierten Wahlmöglichkeiten, das als Vergleichsmaßstab für private Anbieter dienen kann.

Zeit als Renditehebel

Die Wirkung zeigt sich in einfachen Rechenbeispielen. Wer 35 Jahre alt ist, monatlich 150 Euro einzahlt und die maximale Grundzulage von 540 Euro erhält, bringt jährlich 2.340 Euro in den Vertrag. Bei fünf Prozent Rendite vor Kosten und Steuern können daraus nach 30 Jahren rund 155.000 Euro werden. Ein Berufseinsteiger, der mit 20 Jahren nur 30 Euro monatlich spart, erhält auf 360 Euro Eigenbeitrag 180 Euro Grundzulage und einmalig 200 Euro Bonus. Bei vier Prozent Rendite vor Kosten und Steuern kann bis 67 ein Kapital von rund 70.000 Euro entstehen. Das zeigt: Der größte Hebel liegt in der Zeit. Wer früh beginnt, regelmäßig einzahlt und niedrige Kosten mit ausreichend Kapitalmarktnähe verbindet, kann auch mit überschaubaren Monatsbeträgen ein nennenswertes Polster aufbauen. Für sehr sicherheitsorientierte Anleger bleibt die Garantievariante interessant; für erfahrene Anleger mit langem Horizont dürfte das garantiefreie Depot die größten Renditechancen bieten.

Bausteine kombinieren

Trotzdem ersetzt das neue Depot keine Gesamtstrategie. Empfehlenswert bleibt eine Kombination aus gesetzlicher Rente, betrieblicher Altersversorgung, privatem Depot, Liquiditätsreserve und je nach Lebenslage Basisrente, Immobilie oder privater Rentenversicherung. Eine aktuelle Studie des Nürnberg Instituts für Marktentscheidungen zeigt, wie groß der Handlungsbedarf bleibt: 60 Prozent der Menschen in Deutschland sorgen privat vor, 20 Prozent der Erwerbstätigen aber gar nicht. Am häufigsten genutzt werden Aktien, ETFs und Fondssparpläne, gefolgt von Tages- und Festgeld sowie betrieblicher Vorsorge. Für erfahrene Anleger ist die Konsequenz klar: Die neue Förderung kann ein sinnvoller Baustein sein, wenn Kosten, Anlagekonzept und Garantieniveau stimmen. Wer jedoch wirklich Versorgungslücken schließen will, sollte breiter denken. Altersvorsorge beginnt mit einer Strategie und folgenden Fragen: Wie viel gesetzliche Rente ist zu erwarten, welche Lücke bleibt, welches Risiko ist tragbar, und welches Kapital muss bis dahin arbeiten?

Die dritte Säule: Was die bAV leistet

Neben gesetzlicher Rente und privater Vorsorge ist die betriebliche Altersvorsorge (bAV) die dritte tragende Säule der Altersabsicherung – und wird oft unterschätzt. Beim gängigsten Modell, der Entgeltumwandlung, zahlen Arbeitnehmer einen Teil ihres Bruttogehalts direkt in einen bAV-Vertrag ein. Das senkt sofort die Steuer- und Sozialabgabenlast: 2026 bleiben bis zu 8.112 Euro jährlich steuerfrei, bis zu 4.056 Euro sozialversicherungsfrei. Arbeitgeber müssen dabei mindestens 15 Prozent zuschießen. Der Haken: Weniger sozialversicherungspflichtiges Bruttogehalt bedeutet auch geringere Ansprüche an die gesetzliche Rente. Wer den Arbeitgeberzuschuss mitnimmt, fährt unterm Strich aber meist gut.

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