Eigentlich können sich Kapitalanleger nicht beschweren. Wenn wir die Entwicklungen der großen Indizes in Deutschland, Europa und den USA ansehen, ist fast alles im grünen Bereich. Wer sein Kapital an den Aktienmärkten investiert hat, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit Geld verdient. Und doch sind wir nicht so richtig zufrieden. Denn für die Rendite bezahlen wir gefühlt einen hohen Preis: in Form der Angst, die uns im Nacken sitzt. Angesichts der geopolitischen Unsicherheiten müssen wir jederzeit mit Eskalationen oder neuen Krisen rechnen, die die Kurse zum Absturz bringen können.
Gerade in Deutschland prägt das Motto „Sicherheit vor Rendite“ das Lebensgefühl der Geldanleger. Laut einer aktuellen Anlegerstudie von BarmeniaGothaer ist für knapp 50 Prozent der Bundesbürger die Sicherheit das wichtigste Kriterium bei der Geldanlage.1 Flexibilität folgt mit 25 Prozent, nur 14 Prozent setzen auf hohe Erträge. Entsprechend konservativ ist die Auswahl der Anlageprodukte: Sparkonten und Sparbücher führen mit 41 Prozent, gefolgt vom Tagesgeld mit 38 Prozent sowie Investmentfonds und Immobilien mit rund einem Drittel. Gerade in so volatilen und unsicheren Zeiten ist die Sehnsucht nach Sicherheit verständlich. Doch sie führt zu falschen Strategien. Denn so spart Deutschland sich arm.
78 Prozent der deutschen Privatanleger nutzen heute digitale Plattformen für zumindest Teile ihres Portfolios.
Inflation frisst Zinsen
Das Sicherheitsdenken ist auch volkswirtschaftlich ein Problem. Denn es erschwert die Kapitalakkumulation, die zum Beispiel die Finanzierung von Innovationen ermöglicht. Wer sich ansieht, welche Investoren die Finanzierungsrunden deutscher Tech-Start-ups bestreiten, stellt schnell fest: Sehr oft sind es Risikokapitalgeber aus den USA oder aus Asien und oft aus Großbritannien, die sich Anteile und damit Einfluss erkaufen. Viel zu selten ist europäisches Kapital dabei. Dem einzelnen Anleger versucht die Finanzbranche schon lange klarzumachen, dass sichere Geldanlagen einen realen Verlust des Kapitals bedeuten. So weist auch der aktuelle Global Wealth Report darauf hin, wie klassische Sparformen durch Inflation entwertet werden.2 Die Zinsen auf Tagesgeld können die Kaufkraftverluste der letzten Jahre kaum ausgleichen. In anderen Ländern treiben dagegen aktive Investmententscheidungen den Wohlstand. In Nordamerika etwa stammen fast zwei Drittel des Vermögenszuwachses der letzten zwei Jahrzehnte aus Wertsteigerungen der Anlagen, in Westeuropa ist es nur ein Drittel. Wer auf Gedeih und Verderb Kursverluste vermeiden will, zahlt am Ende paradoxerweise drauf.
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass auch in den kommenden Wochen und Monaten Ereignisse eintreten werden, die zu abrupten Verkaufswellen an den Börsen führen werden. Gerade mit diesen Ausschlägen macht die Börse die einen zu Gewinnern und die anderen zu Verlierern. Oder anders ausgedrückt: Wer sich von der Panik anstecken lässt und dem Herdentrieb folgt, der läuft der Entwicklung hinterher, verkauft zu niedrigen Kursen und muss teuer wieder einsteigen. Wer glaubt, das sei nur ein Problem der unerfahrenen oder unprofessionellen Anleger, der irrt. Auch Profis sind Menschen und müssen stets mit emotionalen Reizen kämpfen, die zu falschen Entscheidungen führen können. Die Emotion, die uns am meisten beeinflusst, ist wohl die Angst. Und die wird gerade in Zeiten, in denen Kriege ausbrechen, zu eskalieren drohen und nicht enden wollen, auf die Probe gestellt. Die Gefahr, aus Angst emotional und am Ende falsch zu entscheiden, steigt gerade dann, wenn wir uns mit Veränderungen auseinandersetzen müssen. Die geostrategischen Machtverschiebungen aufgrund der neuen Rolle der USA sind eine solche Veränderung. Der Wandel durch neue Technologien wie die künstliche Intelligenz kann ebenso solche Auswirkungen haben.
Geld anlegen in unsicheren Zeiten: Prognose unsicher
Wie sich dieser Wandel konkret etwa auf die Börsen in Deutschland auswirkt, hängt auch von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Die Bundesrepublik kämpft mit Wachstumsschwäche, demografischem Druck und einer überbordenden Bürokratie. Doch es gibt Lichtblicke. Die Bundesregierung plant mit dem 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturpaket massive Investitionen in Verkehr, Energie und Verteidigung. Sollte das Geld zügig in Projekte fließen, kann das der Konjunktur neuen Schwung verleihen und indirekt auch Anlegervertrauen stärken.