500 Euro-Schein und Deutschland-Flagge
Das 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturpaket der Bundesregierung hat die Stimmung an der Börse gehoben. Stock/MarianVejcik

Geld anlegen in unsicheren Zeiten

Deutschland wird mutiger

Sicherheit vor Rendite heißt immer noch die Einstellung vieler Kapitalanleger. In volatilen Zeiten lässt sich darauf aber keine passende Investmentstrategie aufbauen. Ein bisschen mehr Mut zum Risiko würde aber auch der Volkswirtschaft guttun. Es gibt indes Anzeichen, dass sich die Einstellung gegenüber den Finanzmärkten ändert. Immer mehr Menschen investieren digital, in ETFs, Aktien oder Kryptowährungen.

Michael Gneuss
· 2025
Erschienen in

Wohin mit dem Geld?

am 9. Juli 2025 in „Handelsblatt“
Vieles, was wir rund um das tägliche Börsengeschehen erleben, ist paradox. Dazu gehört auch, dass es oft schmerzhafter ist, sich der entgangenen Gewinne bewusst zu werden, als tatsächlich real einen Verlust zu erleiden. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass selbst in guten...

Eigentlich können sich Kapitalanleger nicht beschweren. Wenn wir die Entwicklungen der großen Indizes in Deutschland, Europa und den USA ansehen, ist fast alles im grünen Bereich. Wer sein Kapital an den Aktienmärkten investiert hat, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit Geld verdient. Und doch sind wir nicht so richtig zufrieden. Denn für die Rendite bezahlen wir gefühlt einen hohen Preis: in Form der Angst, die uns im Nacken sitzt. Angesichts der geopolitischen Unsicherheiten müssen wir jederzeit mit Eskalationen oder neuen Krisen rechnen, die die Kurse zum Absturz bringen können.

Gerade in Deutschland prägt das Motto „Sicherheit vor Rendite“ das Lebensgefühl der Geldanleger. Laut einer aktuellen Anlegerstudie von BarmeniaGothaer ist für knapp 50 Prozent der Bundesbürger die Sicherheit das wichtigste Kriterium bei der Geldanlage.1 Flexibilität folgt mit 25 Prozent, nur 14 Prozent setzen auf hohe Erträge. Entsprechend konservativ ist die Auswahl der Anlageprodukte: Sparkonten und Sparbücher führen mit 41 Prozent, gefolgt vom Tagesgeld mit 38 Prozent sowie Investmentfonds und Immobilien mit rund einem Drittel. Gerade in so volatilen und unsicheren Zeiten ist die Sehnsucht nach Sicherheit verständlich. Doch sie führt zu falschen Strategien. Denn so spart Deutschland sich arm.

 

78 Prozent der deutschen Privatanleger nutzen heute digitale Plattformen für zumindest Teile ihres Portfolios.

Inflation frisst Zinsen

Das Sicherheitsdenken ist auch volkswirtschaftlich ein Problem. Denn es erschwert die Kapitalakkumulation, die zum Beispiel die Finanzierung von Innovationen ermöglicht. Wer sich ansieht, welche Investoren die Finanzierungsrunden deutscher Tech-Start-ups bestreiten, stellt schnell fest: Sehr oft sind es Risikokapitalgeber aus den USA oder aus Asien und oft aus Großbritannien, die sich Anteile und damit Einfluss erkaufen. Viel zu selten ist europäisches Kapital dabei. Dem einzelnen Anleger versucht die Finanzbranche schon lange klarzumachen, dass sichere Geldanlagen einen realen Verlust des Kapitals bedeuten. So weist auch der aktuelle Global Wealth Report darauf hin, wie klassische Sparformen durch Inflation entwertet werden.2 Die Zinsen auf Tagesgeld können die Kaufkraftverluste der letzten Jahre kaum ausgleichen. In anderen Ländern treiben dagegen aktive Investmententscheidungen den Wohlstand. In Nordamerika etwa stammen fast zwei Drittel des Vermögenszuwachses der letzten zwei Jahrzehnte aus Wertsteigerungen der Anlagen, in Westeuropa ist es nur ein Drittel. Wer auf Gedeih und Verderb Kursverluste vermeiden will, zahlt am Ende paradoxerweise drauf.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass auch in den kommenden Wochen und Monaten Ereignisse eintreten werden, die zu abrupten Verkaufswellen an den Börsen führen werden. Gerade mit diesen Ausschlägen macht die Börse die einen zu Gewinnern und die anderen zu Verlierern. Oder anders ausgedrückt: Wer sich von der Panik anstecken lässt und dem Herdentrieb folgt, der läuft der Entwicklung hinterher, verkauft zu niedrigen Kursen und muss teuer wieder einsteigen. Wer glaubt, das sei nur ein Problem der unerfahrenen oder unprofessionellen Anleger, der irrt. Auch Profis sind Menschen und müssen stets mit emotionalen Reizen kämpfen, die zu falschen Entscheidungen führen können. Die Emotion, die uns am meisten beeinflusst, ist wohl die Angst. Und die wird gerade in Zeiten, in denen Kriege ausbrechen, zu eskalieren drohen und nicht enden wollen, auf die Probe gestellt. Die Gefahr, aus Angst emotional und am Ende falsch zu entscheiden, steigt gerade dann, wenn wir uns mit Veränderungen auseinandersetzen müssen. Die geostrategischen Machtverschiebungen aufgrund der neuen Rolle der USA sind eine solche Veränderung. Der Wandel durch neue Technologien wie die künstliche Intelligenz kann ebenso solche Auswirkungen haben.

Grafik: Jährliche Entwicklung des MSCI-World-Index bis 2024
Geldstapel vor einem Globus

Digital handeln

Besser ist es, sich aufgeschlossen für Veränderungen – und damit auch für neue Technologien – zu geben. Die Digitalisierung in der Finanzbranche zeigt, dass viele Menschen diesen Weg auch gehen. Inzwischen nutzen 78 Prozent der deutschen Privatanleger heute digitale Plattformen für zumindest Teile ihres Portfolios. Besonders bemerkenswert: Auch ältere Generationen steigen ein. Laut Amundi verwalten bereits 68 Prozent der über 50-Jährigen weltweit ihre Anlagen digital.3 Bei den Jüngeren sind die Wachstumsraten noch dynamischer. Allerdings bleibt der langfristige Gedanke oft auf der Strecke: Über die Hälfte der Nutzer denkt bei ihren Investments nicht strategisch über Vermögensaufbau nach. Hier bietet sich Potenzial für Finanzdienstleister, das bislang ungenutzt bleibt. Als Empfehlung für Anbieter im Privatkundengeschäft lässt sich daraus ableiten, dass sie die Einführung eines hybriden Modells in Betracht ziehen sollten, um die Anlegerbedürfnisse ganzheitlich zu erfüllen.

Geldscheine und Europa-Flagge

KI-Beratung kommt

Gleichzeitig wächst das Vertrauen in neue Technologien. Fast die Hälfte der noch nicht im Ruhestand befindlichen Menschen kann sich vorstellen, künftig von einer KI zur Altersvorsorge beraten zu werden. Die Beratung durch Chatbots, Algorithmen und auf persönliche Lebenssituationen zugeschnittene Empfehlungen hat folglich gute Chancen, ihren Stellenwert deutlich auszubauen. KI-basierte Tools könnten künftig Portfolio-Strukturen analysieren, emotionale Fehlentscheidungen reduzieren und dynamische Anpassungen vornehmen. Die Vorstellung, dass künstliche Intelligenz langfristige Finanzstrategien begleitet, war vor wenigen Jahren noch Science-Fiction. Jetzt ist sie realistisch. Das digitale Denken prägt auch neue Anlageformen. Rund 28 Prozent der Deutschen haben bereits in Kryptowährungen investiert oder ziehen dies in Betracht. Laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom sind die Hauptmotive die Unzufriedenheit mit der Geldpolitik der Zentralbanken (60 Prozent) und die Hoffnung auf überdurchschnittliche Gewinne (44 Prozent).4 Für viele ist der Einstieg in digitale Assets ein erster Schritt in eine aktivere Investmentkultur.

Schon gewusst?

Inflation kann „sichere“ Anlagen entwerten

Auch wenn Tagesgeld oder Sparbuch als besonders sicher gelten, schützen sie nicht automatisch vor Kaufkraftverlust. Liegt die Inflation über dem Zinssatz, verliert das Ersparte real an Wert.

Geld anlegen in unsicheren Zeiten: Prognose unsicher

Wie sich dieser Wandel konkret etwa auf die Börsen in Deutschland auswirkt, hängt auch von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Die Bundesrepublik kämpft mit Wachstumsschwäche, demografischem Druck und einer überbordenden Bürokratie. Doch es gibt Lichtblicke. Die Bundesregierung plant mit dem 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturpaket massive Investitionen in Verkehr, Energie und Verteidigung. Sollte das Geld zügig in Projekte fließen, kann das der Konjunktur neuen Schwung verleihen und indirekt auch Anlegervertrauen stärken.

Quellen:

1 Barmenia, 2026
2 UBS, 2025
3 Amundi, 2025
4 Bitkom, 2025