Die private Krankenversicherung (PKV) gewinnt als Finanzier des deutschen Gesundheitswesens weiter an Gewicht. Nach aktuellen Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der PKV erzeugten Privatversicherte im Jahr 2024 einen Mehrumsatz von 15,52 Milliarden Euro, so viel wie nie zuvor. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies noch einmal einem Zuwachs von 7,3 Prozent. Diese Mehrumsätze entstehen, weil Ärzte bei der Behandlung von Privatpatienten weniger Reglementierung und in der Regel höhere Honorare haben als bei Kassenpatienten. Besonders stark profitiert die ambulante Versorgung: Auf Arztpraxen entfielen Beiträge in Höhe von 8,76 Milliarden Euro, im Schnitt entspricht dies 82.171 Euro je Arztpraxis. Bemerkenswert ist dabei das Missverhältnis: Obwohl Privatversicherte nur gut 10,5 Prozent der Bevölkerung stellen, tragen sie 21,8 Prozent der ambulanten Gesamteinnahmen. Auch bei Arzneimitteln liegt der Mehrumsatz inzwischen bei über einer Milliarde Euro, bei der zahnärztlichen Versorgung bei mehr als drei Milliarden. Gerade diese Finanzkraft erklärt, warum das stärkste Wachstum der Branche inzwischen aus einem anderen Segment kommt.
Krankenversicherungssysteme: Immer mehr neue Kunden
Dabei muss man genau hinschauen: Wenn davon die Rede ist, dass fast jeder zweite Deutsche „privat versichert“ sei, ist damit die Summe aller privaten Kranken- und Zusatzpolicen gemeint. Ende 2025 lag diese Zahl bei 40,8 Millionen Verträgen. Davon entfielen 8,8 Millionen auf die Krankheitsvollversicherung, 32,0 Millionen auf Zusatzversicherungen. Zum Vergleich: Ein Jahr zuvor waren es 8,7 Millionen Krankheitsvollversicherungen und erst 31,3 Millionen Zusatzpolicen. Das Wachstum der PKV kommt also fast vollständig aus Verträgen, mit denen gesetzlich Versicherte ihren Schutz aufstocken. Besonders gefragt sind Zahnzusatzpolicen, Krankenhauszusatzversicherungen für Chefarzt oder Ein- und Zweibettzimmer, ambulante Ergänzungstarife etwa für Brillen oder Heilpraktiker, Pflegezusatzschutz, Krankentagegeld und Auslandsreisekrankenversicherungen. Die Botschaft ist klar: Die Vollversicherung bleibt das klassische Kerngeschäft der Branche, der Massenmarkt der Zukunft liegt jedoch in modularen Ergänzungen zur gesetzlichen Kasse.
Unterschiede bei Leistungen
Grundsätzlich ändert das aber nichts an der Grundstruktur des zweigliedrigen Systems. Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) funktioniert nach dem Solidarprinzip mit einkommensabhängigen Beiträgen und bietet mit der beitragsfreien Mitversicherung für Familienmitglieder, kalkulierbaren Belastungen bis zur Beitragsbemessungsgrenze und insgesamt gut planbaren Ausgaben ein hohes Maß an Sicherheit. Doch dafür ist der Leistungskatalog vorgeschrieben.
Dagegen liegt gerade der größte Pluspunkt der privaten Krankenversicherung im Leistungsumfang. Privatversicherte bekommen häufig schneller Facharzttermine, profitieren von kürzeren Wartezeiten und Zugang zu Extras wie Chefarztbehandlung oder Einbettzimmer. Anders als in der GKV sind die vereinbarten Leistungen vertraglich garantiert und können nicht einfach politisch gekürzt werden. Hinzu kommt: Der Beitrag steigt nicht automatisch mit dem Einkommen. Dem stehen jedoch Nachteile gegenüber: Im Alter steigen die Beiträge oft deutlich, Familienmitglieder brauchen eigene Verträge, und bei Vorerkrankungen drohen Zuschläge oder Ablehnung.
Insgesamt ist auch die Tarifwelt der PKV deutlich vielfältiger als die der gesetzlichen Kassen. Versicherte können ihren Schutz individuell zusammenstellen: Basistarife orientieren sich am Leistungsniveau der GKV, Komforttarife bieten etwa bessere Erstattungen und Zweibettzimmer, Premiumtarife enthalten meist Chefarztbehandlung, Einbettzimmer und besonders hohe Erstattungssätze. Auch die Wahl der Selbstbeteiligung spielt eine große Rolle. Wer bereit ist, kleinere Gesundheitskosten selbst zu tragen, kann die monatlichen Prämien spürbar senken. Das lohnt sich vor allem für jüngere und gesunde Versicherte. Wichtig ist jedoch, nicht nur auf den Preis zu schauen. Entscheidend sind auch die langfristige Finanzkraft des Versicherers, stabile Tarifkalkulationen und die Frage, ob der gewählte Schutz wirklich zur eigenen Lebensplanung passt.
Kosten steigen
Egal, ob GKV oder PKV: Für Gutverdiener wird die Krankenversicherung 2026 insgesamt teurer. Die Beitragsbemessungsgrenze, also die Einkommensgrenze, bis zu der Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung erhoben werden, ist in diesem Jahr von 66.150 Euro auf 69.750 Euro gestiegen. Das entspricht einem Plus von über 5,4 Prozent. Auch die Versicherungspflichtgrenze wurde angehoben: Sie kletterte von 73.800 Euro auf 77.400 Euro und liegt damit 7.650 Euro über der Beitragsbemessungsgrenze. Erst ab diesem Einkommen können Angestellte in die private Krankenversicherung wechseln. Der Staat verfolgt mit dieser Anhebung ein klares Ziel: Gutverdiener sollen länger im System der gesetzlichen Kassen verbleiben, damit deren Einnahmenbasis stabil bleibt. Auch künftig dürften die Gesundheitskosten weiter steigen, getrieben von medizinischem Fortschritt, höheren Preisen und wachsenden Personalkosten. Das wird auch die Beiträge in der PKV beeinflussen. Einordnen lässt sich diese Entwicklung jedoch nur im Vergleich mit der GKV. Der Blick zurück zeigt: 1980 lag der Beitrag freiwillig gesetzlich versicherter Arbeitnehmer umgerechnet bei 230,31 Euro, 2026 sind es mehr als 1.000 Euro. Das entspricht einer Vervierfachung binnen weniger Jahrzehnte. In der PKV verlief die Entwicklung ähnlich, weil beide Systeme die Kosten des medizinischen Fortschritts tragen. Zugleich erhöht dieser Fortschritt aber auch die Chancen, länger gesund zu leben.