Mitte Juni einigten sich die USA und der Iran auf ein Rahmenabkommen zur Beendigung des seit Ende Februar währenden Krieges – verkündet zunächst von Vermittler Pakistan, untermauert durch eine gemeinsame Absichtserklärung. Erfahrene Marktteilnehmer wissen indes: Zwischen einem Waffenstillstand und stabilen geopolitischen Verhältnissen liegen Monate, oft Jahre. Wie stabil die Lieferketten sein werden, bleibt abzuwarten; ebenso, wie sich die Lage in der Straße von Hormus und die Versicherungsprämien für Frachter entwickeln werden. Hinter der Rohstofflogistik aus der Golfregion bleibt also ein Fragezeichen.
Doch egal, ob und wie schnell sich die Lage im Nahen Osten entspannt, ein für die Finanzmärkte unangenehmes Thema hat der Krieg im Iran zurückgebracht: Die Preissteigerung in Deutschland klettert wieder deutlich über den Zielwert von zwei Prozent. Im Mai lag die Inflationsrate nach Daten des Statistischen Bundesamts bei 2,6 Prozent; die Energiepreise stiegen gegenüber dem Vorjahresmonat um 6,6 Prozent. Das ist deutlich mehr als noch zum Ende des vergangenen Jahres: Im Dezember 2025 war die deutsche Inflation auf 1,8 Prozent gefallen und hatte damit den niedrigsten Wert seit Anfang 2021 markiert. Die Europäische Zentralbank (EZB) reagierte prompt auf diese Entwicklung und hob die Leitzinsen für den Euroraum an. Bis Ende 2026 werden noch zwei weitere Erhöhungen erwartet. Angesichts der kriselnden Wirtschaft ein Dilemma für die EZB: Sie muss die Inflation bekämpfen, sollte gleichzeitig aber die Wirtschaft nicht vollends abwürgen.
Neue Strategien
Für Anleger bedeutet das: Das Zinsumfeld bleibt beweglich, unberechenbar und hat direkte Auswirkungen auf nahezu jede Anlageklasse. Wer jetzt einfach abwartet, riskiert, dass die Inflation das reale Vermögen weiter auffrisst – Untätigkeit ist für viele Anleger jetzt keine gute Option. Stattdessen gilt: Gerade in einer Welt, in der geopolitische Schocks Inflationswellen auslösen, Zentralbanken stark herausgefordert werden und Zukunftsfantasien Kapitalmärkte in mögliche Blasen treiben, ist breit gestreutes Investieren keine Empfehlung für besonders Vorsichtige – es ist die rationale Antwort auf strukturelle Unsicherheit. Multi-Asset-Strategien, die verschiedene Anlageklassen kombinieren, erleben deshalb gerade eine Renaissance. Die Idee dahinter ist so simpel wie wirksam: Was in einer Anlageklasse verloren geht, kann in einer anderen gewonnen werden – wenn die Korrelationen stimmen und die Gewichtung klug gewählt ist.
Doch Diversifikation bedeutet mehr als das bloße Mischen von Aktien und Anleihen. Es geht darum, das gesamte Spektrum verfügbarer Bausteine zu nutzen: von sicheren kurzfristigen Liquiditätspuffern über inflationsresistente Substanzwerte bis hin zu renditestarken Kapitalmarktinvestments. Und es geht darum, zu verstehen, wie sich veränderte Zinsen auf jeden einzelnen dieser Bausteine auswirken.
Wer jetzt einfach abwartet, riskiert, dass die Inflation das reale Vermögen weiter auffrisst.
An Aktien führt kein Weg vorbei
Steigende Zinsen verteuern nicht nur Kredite, sie belasten auch die Bewertung von Aktien, insbesondere von Wachstumstiteln, deren Kurse stark auf die Gewinne in der Zukunft setzen. Trotzdem: An Aktien führt beim Vermögensaufbau nach wie vor kein Weg vorbei. Über alle historischen Krisen hinweg – Ölschocks, Dotcom-Blase, Finanzkrise, Pandemie – haben breit gestreute Aktieninvestments die Inflation geschlagen und langfristig Vermögen aufgebaut. Aber natürlich ist auch der Aktienmarkt selbst nicht frei von eigenen Risiken: Allem voran steht derzeit die Frage, ob sich rund um die künstliche Intelligenz gerade eine Blase bildet. Laut einer Analyse des Finanzdienstleisters Aequifin dürften 2026 weltweit über 2,5 Billionen US-Dollar in KI-Investitionen fließen. Während Häuser wie Goldman Sachs und J.P. Morgan das Wachstum noch für fundamental gerechtfertigt halten, warnen andere Ökonomen, dass die Bewertungen den tatsächlichen Erträgen vorauslaufen – und dass ein erneuter Zinsanstieg das billige Kapital verknappen und eine Korrektur auslösen könnte. Wann – und ob überhaupt – die Blase platzt, bleibt offen.
Vermögensaufbau: Breit gestreut, nie bereut
Für viele ist aber klar: Der nächste Crash kommt – früher oder später. Und um dafür gewappnet zu sein, gilt es, das Vermögen entsprechend der eigenen Risikoneigung zu diversifizieren. Anleihen, Edelmetalle und Immobilien, aber auch Tages- und Festgeld helfen dabei. Jeder dieser Bausteine reagiert anders auf Zinsschritte, Inflation oder geopolitische Schocks. Fällt eine Anlageklasse, fängt eine andere den Verlust zumindest teilweise auf. So entsteht aus vielen Einzelteilen ein Portfolio, das auch dann trägt, wenn einzelne Märkte ins Wanken geraten. Wie genau diese Bausteine zusammengestellt werden, hängt freilich vom Anlagehorizont ab – und nirgends zeigt sich das deutlicher als bei der Altersvorsorge, bei der dieser Horizont oft Jahrzehnte umfasst.
Diese Streuung müssen Anlegerinnen und Anleger selbst oder mit ihren Vermögensverwaltungen in die Hand nehmen – einen Königsweg, der die Entscheidung abnimmt, gibt es nicht. Bei einem Baustein springt der Staat ab dem kommenden Jahr aber zumindest unterstützend ein: Mit dem im März 2026 von Bundestag und Bundesrat beschlossenen Altersvorsorgedepot wird erstmals auch die Anlage in Aktien, ETFs und Fonds förderfähig. Ab 2027 fließen auf Einzahlungen jährliche staatliche Zuschüsse, zusätzlich bleiben die Erträge in der Ansparphase steuerfrei. Damit löst das neue Depot die in die Kritik geratene Riester-Rente ab und markiert die größte Reform der privaten Altersvorsorge seit deren Einführung – ein Signal, dass kapitalmarktbasierte Vorsorge künftig nicht mehr Sache von Eingeweihten bleiben, sondern zum Standardweg für den Vermögensaufbau im Alter werden soll.